Eine weitere gute Tasse Kaffee (2/2)

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Previously on Sabbaticalism: Wer die erste Tasse Kaffee verpasst hat, kann sie hier nachlesen, bevor sie kalt wird. Für alle anderen habe ich was Frisches gebrüht. 🙂

Flashback Gregor – Berlin, Axel-Springer-Passage, November 2012
Es geht heute darum, ob ich ein halbes Jahr nach Südamerika kann. Ich sitze mit meinem Teamleiter Marek und mit meinem Abteilungsleiter Christian in der Mittelbar. (Christian ist übrigens der, der mir später am letzten gemeinsamen Teamabend noch empfehlen wird, mit welcher Technik ich dieses Blog am besten schreibe. Er steckt fachlich in sehr vielen Themen) Die beiden sprechen heute mit einer Stimme. Die Stimme meint, dass sie mich gern bei meinen Plänen unterstützen wollen. Nur dass es da eben aktuell wichtige große Projekte gibt. Unsere Firma wird ein Bezahlsystem einführen und wir haben die Rechte erworben Videoclips der Fußball-Bundesliga zu zeigen. Und da ich nun mal inzwischen viel Erfahrung mit Videosystemen habe, werde ich gebraucht. Ich nippe an meiner Kaffeetasse, die eigentlich schon leer ist. Die Stimme schlägt einen Kompromiss vor. „Warum nimmst du nicht im Februar einen längeren Urlaub und beginnst dein Sabbatical im September, wenn das Projekt abgeschlossen ist?“

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Kolumbien,
Wir machen ein Pause in einem der Häuser auf dem Grundstück. Ivanov setzt sich auf die Veranda und schaut in die Weite. Eine Angestellte bringt Kaffee und frischen Mandarinensaft. Viele Pläne hat er aktuell. So soll hier eine Art Erlebnishostel entstehen, wo Amerikaner ihren eigen Kaffee pflücken, trocknen und rösten können. Nebenbei hat er weiterhin seine Tierklinik in Washington D.C. und er gibt hier regelmäßig Seminare für andere Tierärtze. Vor kurzem hat er auch ein neues Stück Land dazugekauft. Wir laufen zu den Jungpflanzen. „Damit sie gut gedeihen, planzen wir sie in der ersten Zeit neben Bohnen und Mais. Später wenn sie groß genug und weniger anspruchsvoll sind, pflanzen wir daneben Bananen oder Platanen. Die sind ideale Schattenspender.“

Berlin, Anfang Mai 2013, auf Arbeit, im Mikro-Konferenzraum
Ich schwenke betrübt meine Werbe-Kaffeetasse. Werbe-Tassen erkennt man daran, dass man selber den Aufdruck beim Trinken nicht sehen kann. Der Kaffee ist längst kalt. Ich spreche mit Anastasia. Sie ist meine Anlaufstelle, wenn ich einen guten Rat brauche und offen sprechen will. Und sie ist Leiterin des Gesamtprojektes, weswegen sie gerade sehr wenig Zeit hat. „Ich weiß nicht, ob ich das mit dem Videosystem rechtzeitig hinbekomme. Es gibt noch so viele Probleme und kaum noch Zeit bis zum Start der Bundesliga,“ sage ich mit Blick auf die unbemalte Seite meiner Tasse. „Und … ich weiß auch nicht, ob das mit dem Sabbatical in Südamerika wirklich so eine gute Idee ist. Sechs Monate ganz allein auf so einem gefährlichen Kontinent“ Sie beruhigt mich mit ihrem sympathischen griechischen Akzent. „Schau mal, du hast jetzt die besten Entwickler auf dem Thema. Gemeinsam schafft ihr das schon! … Und wenn es dir in Südamerika nicht gefällt, kannst Du jederzeit zurückkommen. Aber ich glaube, dass es dir gefallen wird. Ich beneide dich.“

Kolumbien,
Ivanov und Angela zeigen mir die letzte Station in der Kette. Da sie den Kaffe roh weiterverkaufen und ihn nicht selbst rösten, bleibt nur noch Aussieben und Trocknen. Beim Aussieben werden die reifen roten und gelben Kaffeefrüchte in ein Wasserbad gelegt. Einige Früchte schwimmen oben. Sie schwimmen oben, weil von den zwei Kaffeebohnen, die sich unter der Hülle verbergen, eine mit Luft gefüllt ist. Diese muss aussortiert werden. Dann kann die andere mit auf die Reise gehen und getrocknet und geröstet werden. Es ist ein bisschen mehr Arbeit, aber die Qualität ist genau so gut und schließlich kann auch diese Bohne richtig guter Kaffee werden.

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Berlin, August 2013, am Montag nach dem Start der zweiten Bundesliga, in unserer Kaffeeküche
Ich muss mich beeilen. „Sorry Frieda, ich weiß auch nicht wie man das im App Store einstellt. Frag am besten Robert, der weiß das bestimmt. Guten Morgen Daniel, ich muss mal kurz vorbei.“ Zum Glück hat Cati schon frischen Filterkaffee gekocht. Jetzt noch schnell den Gang hinunter zum Bundesliga-Büro. Oh … die Kollegen sind schon fast vollzählig da. Zum Glück ist Michael von der Qualitätssicherung auch noch nicht da. Da bin ich nicht der letzte im Standup. Ein Standup ist eine Art strukturiertes Kaffekränzchen unter Software-Entwicklern. Jeder erzählt, was er am Vortag so programmiert oder eben gemacht hat. Wichtig ist dass es pünktlich beginnt. (Ich frag mich gerade, ob man in Südamerika auch Standups machen könnte) Timmo, der technische Projektleiter, setzt sein Grinsekatze-Lachen auf, als ich den Raum betrete. Ich muss auch schmunzeln. Und wir haben beide Grund dazu. Die Website für Bundesliga ist pünktlich fertig geworden und das Videosystem läuft. Ohne die Hilfe dieser lustigen kaffeeschlürfenden Truppe um mich herum, hätte das nie funktioniert, und ohne so viele andere Leute in dieser Firma auch nicht. Die ein oder zwei, von denen ich mich nicht unterstützt gefühlt habe, fallen da überhaupt nicht mehr auf. Vielleicht hätte ich mir auch mehr Mühe geben müssen ihre Stärken zu entdecken. Egal. Ich bin dankbar für was gewesen ist und was kommen wird. Und so ein Filterkaffee schmeckt so viel leckerer, wenn man weiß dass man ihn einen Monat später in Rio de Janeiro trinken wird.

Kolumbien,
Im Fahrersitz neben mir sitzt eine verkleidete glückliche Mutti. Angela, die Frau von Ivanov, fährt mich im Jeep zurück zur deutsch-englischen Schule nach Manizales. Auch sie ist im Halloween-Fieber. Sie will ihre Tochter abholen und gemeinsam werden sie durch die Nachbarschaft ziehen, „Süßes oder Saures?“ schreien und jede Menge Süßigkeiten einsammeln. Das wird lustig.

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Fatasy-Flashback* von Angela, fünf Jahre vorher, in einem Starbucks in Washington DC, USA
Irgendwie schmeckt mir mein Lattecchino Grande mit Karamelsoße heute besonders gut. „Ob ich mir vorstellen könnte zurück nach Kolumbien zu gehen?,“ hat Ivanov mich gestern Abend gefragt. In meine Heimat. „Ja“ habe ich sofort gesagt, ohne überhaupt eine Sekunde darüber nachzudenken. Vielleicht sogar ein bisschen zu schnell. Ich habe den USA so viel zu verdanken. Mit 24 bin ich hergekommen. Habe weiter studiert und sehr sehr viel gelernt. Vieles funktioniert hier so viel besser als in Kolumbien. Wenn man hier ein Haus bauen will und nicht alle Teile hat, geht man einfach in einen Baumarkt. Ich habe auch viele neue Freunde gefunden. Zugegeben, die meisten von ihnen sind auch keine gebürtigen US-Amerikaner. Aber trotzdem.
Ivanov meint, dass wir eine Kaffeeplantage kaufen sollten. Seine Familie hatte früher in Manizales selbst auch Kaffee angebaut. Zwei Tierärzte als Plantagenbesitzer. Na das kann ja heiter werden. Hmm … Aber irgendwie macht es mir überhaupt keine Angst. Ich muss es ja nicht allein schaffen. Und die Warmherzigkeit der Menschen in meiner Heimat Kolumbiens fehlt mir schon sehr. Ich glaube, dass das der Ort ist, wo meine beiden Kinder aufwachsen sollten. Ja! Und jetzt hole ich mir noch so einen leckeren Kaffee.

Kaffee – er macht uns wach und er bringt uns zusammen. Vielleicht das wichtigste Getränk unserer Erde.

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P.S. Wenn euch der Kaffee geschmeckt hat, dürft ihr ihn gern auf Facebook und Twitter weiterempfehlen.

*) Fantasy-Flashbacks sind ein von mir erfundenes Stilmittel. Lediglich die Personen existieren. Die Erinnerungen sind frei erfunden.

Und am Donnerstag: Kinder wie die Zeit vergeht. Am Freitag bin ich genau drei Monate unterwegs in Südamerika. Es ist also Halbzeit. Und wie es sich für ein gute Fernsehserie gehört gibt es da einen dramatischen Cliffhanger. Die Folge heißt: „die unendliche Geschichte

Das Beste am Reisen sind all die unerwarteten Begegnungen. Seit meinem Sabbatical in Südamerika reise ich daher mit neuer Mission durchs Leben: "Catching Smiles around the Globe." Wenn Du kein Lächeln mehr verpassen willst, folgst du mir am Besten auf  Facebook oder auf Instagram. ¡Hasta luego amigo!

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Kaffee und eine solche Geschichte, wie kann ein Tag schöner beginnen. Schade nur, dass man dieses kulturell wichtige Getränk mit Pappbechern „to go“ missachtet und sich damit die Chance auf Genuss und ein gutes Gesprächs vergibt.

  2. Kaffee und eine solche Geschichte, wie kann ein Tag schöner beginnen. Schade nur, dass man dieses kulturell wichtige Getränk mit Pappbechern „to go“ missachtet und sich damit die Chance auf Genuss und ein gutes Gesprächs vergibt.

  3. Frankfurt, 3. Dezember 2013, 8.09 Uhr. Mit einem Latte Macchiato (3,80€) am Flughafen. Gate B. Wartend auf den Flug nach Warschau. Meine Gedanken zum Kaffee: irgendwie überbewertet und ich glaube auch mit ganz viel Placebo belegt. Ein sozialer Aspekt hingegen lässt sich kaum abstreiten. Einen Kaffee in einem geschäftlichen Meeting abzulehnen ist da manchmal schon fast ein Fettnäpfchen.

    Kommentar zum Cliffhanger dieser Doppelfolge: erst dachte ich, der Beitrag wäre durch deine Erzählungen im RL (= real life) gespoilert, nur um dann festzustellen, dass die Existenz dieses Blogs ein Spoiler war :).

    Der Kaffee ist leer. Mit einem vermeintlich aufgeweckten Blick nun auf zu Sitz 8D.

  4. Frankfurt, 3. Dezember 2013, 8.09 Uhr. Mit einem Latte Macchiato (3,80€) am Flughafen. Gate B. Wartend auf den Flug nach Warschau. Meine Gedanken zum Kaffee: irgendwie überbewertet und ich glaube auch mit ganz viel Placebo belegt. Ein sozialer Aspekt hingegen lässt sich kaum abstreiten. Einen Kaffee in einem geschäftlichen Meeting abzulehnen ist da manchmal schon fast ein Fettnäpfchen.

    Kommentar zum Cliffhanger dieser Doppelfolge: erst dachte ich, der Beitrag wäre durch deine Erzählungen im RL (= real life) gespoilert, nur um dann festzustellen, dass die Existenz dieses Blogs ein Spoiler war :).

    Der Kaffee ist leer. Mit einem vermeintlich aufgeweckten Blick nun auf zu Sitz 8D.

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